Farbenfrohe
Fähnchen, unterschiedlich in Größe und Form, flattern über dem grauen
Schiff im Wind. „Wimpel und Flaggen“, sagt Kai Hüller. „Sie stehen für
einen Buchstaben oder eine Zahl.“ Einige der Signalfahnen, die in der
Seefahrt benutzt werden, haben außerdem eine besondere Bedeutung,
symbolisieren beispielsweise „Mann über Bord“. Die kleinen bunten
Banner dienen der Kommunikation zwischen Schiffen untereinander sowie
zwischen Schiffen und Küstenstationen – für die „Pluto“ indes ist diese
Art der optischen Verständigung längst Geschichte. „Heute sind die
Flaggen reine Dekoration“, sagt Hüller. Überhaupt
ist die „SM 1092 Pluto“ schon lange nicht mehr mit explosiven Aufträgen
auf den Meeren unterwegs. Das Schiff, 1959 in Dienst gestellt, gehörte
zum 5. Minensuchgeschwader, war in Olpenitz stationiert und wurde nach
26 Dienstjahren und 160.000 Seemeilen am 1.Juli 1987 ausgemustert.
„Funkstille“ herrscht jetzt trotzdem nicht auf der „Pluto“, denn 1988
brachte die Marinekameradschaft Hameln das einst mit Bewaffnung
ausgestatte Minensuchboot („eine 40 mm-Flak L/70 Bofors“) ans Ufer der
Weser. Baute es in Eigenleistung um, und seit 1992 ist es das
„Vereinsheim“ der Kameradschaft - und insofern wieder mit Leben gefüllt. Im
Heck ist es eingerichtet, das Lokal, wo sich die mehr als 200 Freunde
maritimer Traditionen regelmäßig treffen und zu öffentlichen
Frühschoppen laden. Bei schönem Wetter wird an Deck, mit herrlichem
Blick auf die Weser, gefeiert. Großzügig ist diese Freiluft-Fläche,
richtig eng hingegen wird es, je tiefer es in den Bauch des
266,5-Tonners, 47,44 Meter langen und 7,20 Meter breiten Schiffes geht.
Hüller, ausgebildeter Radar- und Videomechaniker und Jugendwart bei der
Marinekameradschaft, übernimmt hin und wieder auch den Job
eines „Schiffs-Guide“, und an dieser Stelle warnt der 34-Jährige
die Besucher, die das Schiff besichtigen: „Vorsicht! Gut festhalten und
den Kopf einziehen!“
Die steile und schmale Holztreppe, die hinunterführt in die
„Sperrzone“, in den Navigations-, Funk- und Maschinenraum sowie in
Offiziersmesse und Kajüten, knatscht unter den Füßen. Es ist extrem
warm unter Deck.
Die Luft riecht nach altem, knochentrockenem Holz. „Im Bugbereich gibt
es eine Lage antimagnetischen Krupp-Blechs. Der Rumpf des Schiffes aber
besteht aus Teak, Mahagoni und Eiche.“ Aufgrund seiner Holzbauweise,
erklärt Hüller weiter, sei das Schiff unempfindlich gegen Magnetminen
gewesen.
Aber alles Militärische, wie beispielsweise das Bordgeschütz, Funk- und
Radarsysteme, sei nach der Ausmusterung der Pluto selbstverständlich
entfernt worden. Wenn man denn überhaupt von Komfort reden kann, so
gilt: Je höher der Dienstgrad des Einzelnen, desto größer und
gemütlicher der „Wohnraum“ unter Deck. Den Kürzeren zogen die zehn
Mann, die die Schlafstätte direkt unter der Bordkanone beziehen
mussten. Im Navigationsraum rollt Kai Hüller eine Karte von 1977 auf,
tippt mit dem Finger auf markante Punkte: „Elbe, Hamburger Hafen,
Radarlinie…“ Na ja, wer kein Experte ist, ist froh, wenigstens die
alten Schilder und Tafel zu verstehen, die in den schmalen Gängen an
den Holzwänden hängen: „Den guten alten Hansen President gab es für
6,50 Mark den Liter“, liest Hüller und lacht.
Die „Preisliste für unverzollte und verzollte Ware der Bordkantine vom
16. Januar 1986“ führt neben dem unter Seeleuten offensichtlich
begehrten Whisky unter anderem Zigaretten, Softgetränke und Pils in der
Preislage zwischen 40 und 80 Pfennig je Flasche auf. Schokoriegel waren
für 50 Pfennig das Stück zu haben, und während einfache Seife 40
Pfennig kostete, musste man für ein duftendes Wässerchen aus Köln glatt
neun Mark hinblättern. Ob dieser Preis für Aufregung unter der
35-Mann-starken Besatzung gesorgt hat, lässt sich nicht sagen – bei
dem, was auf einer anderen Tafel zu lesen ist, hat es gewiss ordentlich
Dampf gegeben: „Auf Gefechtsstation!, „Macht die Schotten dicht“ oder
„Ruderversager“ – für jede Meldung gab es ein jeweils anderes
akustisches Alarmsignal. Heute
bekommen die Gäste an Bord der „Pluto“ zum Glück viel angenehmere Töne
zu Gehör: Melodien der Meere, die der Shanty-Chor der
Marinekameradschaft an Hamelns „Waterkant“ erklingen lässt. Text & Bild: Alda Maria Grüter |